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AUSFLUGSTIPP: Wo der Metzger das Blut fürs Theater lieferte:
BIBERACH AN DER RISS

Von Alfred Behr - Untertürkheimer Zeitung 28.7.2005

Oberschwaben ist, im Gegensatz zum evangelisch-lutherischen Alt-Württemberg um Stuttgart und Esslingen, eine katholisch geprägte Sakrallandschaft. Dort, zwischen Schwäbischer Alb, Donau, Iller und Bodensee, gibt es, entlang der Oberschwäbischen Barockstraße, so viele bedeutende Kirchen und Klöster, dass ein Tag bei weitem nicht ausreicht, um sie alle zu besichtigen. In Steinhausen etwa, einem Ortsteil von Bad Schussenried, steht die von Dominikus Zimmermann erbaute "schönste Dorfkirche der Welt". Im Bibliothekssaal von Bad Schussenried entfaltet das Rokoko seine ganze üppige Pracht. Unweit davon, in Weingarten, prangt die ehrwürdige Basilika St. Martin, die größte Barockkirche nördlich der Alpen.


Biberach/Riß: St. Martinskirche mit Anna-Altar - Weberberg mit Gigelturm
Fotos:Enslin

Einst "paritätische Reichsstadt"

Im weithin katholischen Oberschwaben fällt die ehemals "paritätische Reichsstadt" Biberach aus dem Rahmen, die nach dem Dreißigjährigen Krieg im Westfälischen Frieden zusammen mit Ravensburg, Augsburg und Dinkelsbühl zu diesem Status kam. Paritätisch bedeutet diesem Fall, dass sich beide Konfessionen eine Kirche teilen. In Ravensburg war das bis 1805 der Fall, in Biberach gilt es bis heute. Die Biberacher Stadtpfarrkirche St. Martin wird seit 1548 von der katholischen und der evangelischen Kirche "simultan" genutzt. Aber so weit geht die Parität nicht, dass einer des anderen Stromkosten übernähme. Im Heizungsraum der Kirchenheizung gibt es einen Schalter mit der Aufschrift "kath" und einen mit dem Kürzel "ev". Der Stromverbrauch wird getrennt abgerechnet.

Die Biberacher, wo angeblich das "lieb's Herrgöttle" zu Hause ist, beten in derselben Kirche, aber beim Abgang aus dem irdischen Leben trennen sich die Wege einstweilen wieder: Es gibt einen Friedhof für Katholiken und einen für Protestanten. Die Parität brachte es früher mit sich, dass jedes Amt, vom Bürgermeister über den Brunnenmeister bis hin zum Scharfrichter, jeweils evangelisch und katholisch besetzt werden musste.

Vor der Konfessionsparität hatte die katholische Minderheit dominiert und mit patrizischer Cliquenherrschaft das Stadtgeschehen bestimmt. Biberachs großer Sohn, der Dichter Christoph Martin Wieland (1733 bis 1813), hat die Verhältnisse seiner ungeliebten Heimatstadt in der "Geschichte der Abderiten" karikierend bloßgestellt und sich über einen Prozess mokiert, der über die Nutzung des Schattens eines Esels entbrannte. Daran erinnert eine Plastik des Künstlers Peter Lenk auf dem Biberacher Marktplatz.


Wielandmuseum - Marktplatz mit Esel von Peter Lenk - Die Schlachtmetzig - Fotos:Enslin

Shakespeare im Schlachthaus

Wieland, ein Zeitgenosse Goethes und Schillers, hat unter dem einstigen Konfessionsstreit in Biberach gelitten. Der Historiker Franz Quarthal hat den Segen der Simultankirche als Ort des Ausgleichs im Fall des Dichters kurz so beschrieben: "Wieland als Sohn des ersten Biberacher Stadtpfarrers müsste heute wohl nicht mehr aus Sorge um seine berufliche Karriere seine schwangere katholische Jugendliebe schändlich sitzenlassen." Wieland war Pro-testant.

Dem Politiker und Diplomaten Graf Friedrich von Stadion kommt das Verdienst zu, den Biberacher Stadtschreiber Wieland für Shakespeares Werke interessiert zu haben. Der sprachbegabte Wieland übersetzte zunächst den "Sturm", der 1761 in Biberach als erstes Shakespeare-Stück in deutscher Sprache aufgeführt wurde. Ort der Aufführung war ein 1563 erstelltes Gebäude, das den Metzgern dreihundert Jahre lang als Schlachtraum (Schlachtmetzig) diente, während im Obergeschoss Theater gespielt wurde. Das Blut für die blutrünstigen Stücke konnte sich der Intendant leicht aus der "Metzig" darunter besorgen.

Die Bewohner des alten Herzogtums Württemberg fühlten sich in ihrem "Unterland" offenbar erhaben über die schwäbischen Nachbarn im "Oberland" um Biberach und Ravensburg. Die oberschwäbische Schriftstellerin Maria Müller-Gögler hat in ihren Kindheitserinnerungen geschrieben, sie habe es als Demütigung empfunden, wenn von den Schwaben behauptet worden sei, südlich der Donau beginne der Balkan, und Oberschwaben sei, wegen der Vorherrschaft der CDU, "der schwarze Erdteil". Friedrich Silcher hat das schwäbische Volkslied "Drunten im Unterland, da ist's halt fein", vertont, in dem es über die Oberschwaben und ihr Oberland despektierlich heißt: "Oben sind d'Leut so reich, d'Herzen sind gar net weich."

Die nach und nach selbstbewusster gewordenen Oberschwaben setzten dem ihr Loblied "Droba im Oberland" entgegen, und Schulkinder reimten grimmig: "Ich bin vom Oberlande, und das ist keine Schande." Als Oberschwaben noch zu Vorderösterreich gehörte, sorgten die Habsburger dafür, dass die Leute katholisch blieben und nicht den reformatorischen Einflüssen erlagen, die vorwiegend aus der Schweiz herüberkamen. Das zum Teil pietistisch geprägte Alt-Württemberg war den Oberschwaben kein Vorbild. Sie zelebrierten nach dem Konzil von Trient die Gegenreformation und zeigten in barockem Überschwang, wie freudvoll sie ihren Glauben leben wollten. Somit wurde der kirchliche Barock letztlich Kunst gewordene Ideologie.

Internet: www.biberach-riss.de

Fotos: Klaus Enslin

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