Gleich hinter dem Württemberg
mit seiner schönen griechischen Kapelle befindet sich der Hausberg
der Schaller's. In der von dem bekannten Architekten und Kirchenbauer
Martin Elsaesser erbauten Villa Schaller in Rotenberg residierte
die berühmte Bildnismalerin Käte Schaller-Härlin.
Die Künstlerin, die 1877 in
Mangalore (West-Indien) geboren wurde, hat (für damalige Verhältnisse)
einen außergewöhnlichen Lebensweg beschritten. Aus den Zwängen
eines schwäbischen Pfarrhauses konnte sich die Tochter eines Missionars
alsbald befreien. Mit der ganzen Leidenschaft einer Sechzehnjährigen
ging sie daran, ihre künstlerische Begabung zu entwickeln. Schulbildung
und Lehrpläne standen dabei nicht im Vordergrund.
Käte Härlin war zu einer
Zeit auf natürliche Weise emanzipiert, als dies noch gar nicht
Mode war. Sie wollte von Anfang an in Freiheit malen, sich als Persönlichkeit,
ihrem Wesen entsprechend, verwirklichen. Nach der Kunstgewerbeschule
in Stuttgart, studierte sie vorübergehend an der neueröffneten
Damen-Akademie in München. Doch dann lockte Florenz. In den Museen
und Galerien offenbarte sich ihr der Glanz großer Meister des
ausgehenden 19. Jahrhunderts. Vor allem hatten es ihr die Bilder italienischer
Meister und die Fresken Giottos angetan. In Rom trifft sie Karl Hofer.
Durch Maurice Denis, ihren Lehrer in Paris, entdeckt sie Cezanne. Die
Künstlerin trifft Rilke bei Rodin, reist nach Spanien, zum Studium
der Bildnisse Goyas.
Käte Härlin hat in diesen
Studienjahren die Techniken berühmter Bildnismaler vor Ort studiert.
Dabei entdeckte sie ihr Können in der Porträtkunst, die sie
handwerklich-malerisch zur höchsten Entfaltung gebracht hat. Der
Mensch, sein Wesen, sein Charakter, wurde für die Malerin zur Herausforderung.
Mit der ihr eigenen Gabe, eine fremde Persönlichkeit bis in deren
Wesenstiefe zu erfassen, ist es der Künstlerin gelungen, das Modell
nicht nur natürlich und wesensecht zu gestalten, sondern darüber
hinaus seinen spezifischen Lebensraum ins Bild zu setzen.
Als malerischen Hinweis auf die
Lebensweise der dargestellten Person findet man in den Hintergründen
der Bildnisse häufig angedeutete Landschaften, Blumen, Tiere, Räume
oder Gegenstände. Die Personen wirken wie ihr eigenes Stilleben,
geformt durch eine Künstlerin, die ein Stück Menschenleben
festgehalten hat.
Käte Schaller-Härlin war
eine begeisterte Astrologin. Als Zigeunerin verkleidet, hat sie der
Familie und den Freunden auf Festen oft aus der Hand gelesen. Sie glaubte
fest daran, daß die Sterne das Leben bestimmen. Diesen Glauben
hat sie auch in ihre Malerei eingebracht. Tiefe Er-lebnisfähigkeit
lassen ihre Porträts so unerhört objektiv erscheinen. Unter
den Bildnissen muß den schwierigen Kinderporträts ein besonderer
Stellenwert eingeräumt werden. Hier assistiert ihr eindeutig das
Gefühl der Frau und Mutter. Neben einer äußeren Ähnlichkeit
strahlen diese lebensfrohen Bilder bereits jene subjektive Wesensart
aus, die schon das Kind als Persönlichkeit ausweist. Jan Philip
Reemtsma, aus der Hamburger Tabakdynastie, oder die spätere Ministerin
Annemarie Grie-singer finden sich unter den zahllosen Kinderporträts.
Ihr Mann, der Kunsthistoriker Dr. Hans-Otto Schauer, hat sie nach Kräften
unterstützt und sie als Porträtistin gefordert. Mit ihm kam
auch die Kunst in das Stuttgarter Papiergeschäft Schaller, seines
Zeichens Hoflieferant und Fotopionier. Hans-Otto Schaller legte den
Grundstein zum heutigen Kunsthaus Schaller. Der Erste Weltkrieg beendete
jäh die menschliche und künstlerisch so fruchtbare Verbindung.
Die
Künstlerin lebte nach diesen sechs Ehejahren nur noch ihrer Malerei
und für ihre einzige Tochter Sibylle. Die Kunst wurde ihr zum Trost
und zur Erfüllung. Käte Schaller-Härlin war eine begehrte
Auftragsmalerin.
Fast alle markanten Persönlichkeiten Schwabens hat sie porträtiert.
Damals hatte die Fotographie noch nicht den Stellenwert wie heute. Dafür
gab es Bildnisse, von Künstlerhand geschaffen. Aufträge aus
dem In- und Ausland trafen in Stuttgart-Rotenberg ein.
Oftmals reiste die Künstlerin zu ihren Modellen, Dabei hat sie
jedoch nie ihre Kunstreisen vernachlässigt. Jedes Jahr Paris, dazu
Italien und Spanien. In Zusammenarbeit mit Martin
Elsaesser entstanden bedeutende Wand- und Glasmalereien.
Käte Schaller-Härlin wurde zur Erneuerin der Wandmalerei im
süddeutschen Raum.
Die Florentiner Giotto-Studien und
ihr monumentaler Stil kamen bei ihr zum Tragen. Fresken der zwölf
Apostel in der Kirche zu Holzelfingen, in der Kirche zu Stuttgart-Gaisburg
und in Lichtental bei Baden-Baden sind bis heute erhalten. Für
die Schloßkapelle Tettnang hat sie die Glasfenster entworfen.
Entwurf und kompositionelles Gestalten sind charakteristisch für
di Handschrift der Künstlerin. Ihre malerische Begabung drückt
sich außer dem in den verschiedenen Blumen- und Früchtestilleben
aus. Hier wird der Einfluß Adolf Hölzels deutlich. Farbe
und Form verbinden sich zu einem harmonischen, monumentalen Bildgefüge.
Die Wirkung diese Bilder beruht auf einer idealen Farbzusammenstellung
vor meist dunkeltonigen Bildgründen.
Käte Schaller-Härlin wurde
fünfundneunzig Jahre alt. Ihre Vitalität hat in einer großen
künstlerischen Produktivität ihren Niederschlag gefunden.
Von über 2000 Bildnissen, die heute in der ganzen Welt an die große
Porträtistin erinnern, sollen in diesem Heimatbuch doch einige
wichtige erwähnt werden: Bundespräsident Theodor Heuss, Elly
Heuss-Knapp, Hugo Borst, der große Stuttgarter Kunstsammler, Dr.
Schairer von der Stuttgarter Zeitung, den Chirurgen Professor Dr. Otto
Jüngling und den Pianisten Professor Walter Rehberg. Ein Selbstbildnis
aus dem Jahre 1923 befindet sich heute mit der Sammlung Hugo Borst in
der Staatsgalerie Stuttgart.
Die Villa auf dem Schaller-Berg
in Rotenberg wurde lange von der über achtzigjährigen Hausdame
Anna Zaiss aus Untertürkheim bewohnt, die schon 1913 als Kindermädchen
für Tochter Sibylle ins Haus kam. Anna Zaiss war lange die Hüterin
des Hauses geblieben. Die Wohnräume sind seit dem Tod der Künstlerin
nicht verändert worden. Anna Zaiss erzählt von der Frau, die
keine Kompromisse machte. Aber auch Persönliches konnte man erfahren.
Käte Schaller-Härlin, die passionierte Teetrinkerin und überzeugte
Vegetarierin, hatte zum Beispiel eine Vorliebe für Schmuck. Sie,
die auf einem Berg inmitten der Neckarlandschaft lebte, hat nur vier
Landschaften gemalt. Für sie bedeutete der individuelle Mensch
alles. Ihm hat sie in ihren Bildnissen ein Denkmal gesetzt.
Quelle: Hermann Bruder: Herzstück im Schwabenland - Untertürkheim
und Rotenberg -
Ein Heimatbuch - 1983 - Herausgeber: Bürgervereins Untertürkheim
e.V.