Aus "Treffpunk Stuttgart" vom 17.4.2002 und Fortsetzung vom 24.4.2002
Vortrag von Dietrich Köhler zur Neueröffnung der Heimatgesch. Ausstellung Rotenberg

Untertürkheims letzter Schultheiß Eduard Fiechtner (Teil 4/4)

1908
Eduard Fiechtner ca. 1918 (Stadtarchiv)
Ehemaliger Schultheiß in Untertürkheim

Für damalige Verhältnisse wichtig war offenbar auch, dass ab Eingemeindung der Untertürkheimer Pfarrer den Titel "Stadtpfarrer" tragen müsse. Mag man heute darüber eher lächeln, so war in der Tat von Bedeutung, dass sich Schultes Fiechtner schon damals für eine zweite evangelische Kirche im Flecken einsetzte. Die katholische Gemeinde erfreute sich inzwischen ihres schönen neuromanischen Gotteshauses. Die zweite evang. Kirche entstand dann 1953!
Vor der Eingemeindung erlebte Eduard Fiechtner noch sein 25-jähriges Dienstjubiläum. Eine ausführliche, würdigende Festschrift erschien - und Fiechtner wurde die Ehrenbürgerwürde erteilt (- er ist bis dato der einzige Ehrenbürger Untertürkheims!). "Er war bestrebt, die Gemeinde zu einer Vollkommenheit zu bringen, die sie als Mustergemeinde unter den gleichartigen Gemeinden unseres Vaterlandes glänzen lasse", heißt es in einer der Dankreden damals.

Mit der Eingemeindung trat Fiechtner in den Ruhestand. Er lebte bis 1922 hier, und überlebte auch seine zweite Frau noch um 4 Jahre. (Leider konnte ich über diese doch auch lange Zeit seiner älteren Tage nichts in Erfahrung bringen.) Er starb am 22.5.1922 in Stuttgart-Untertürkheim.


Das Grab Fiechtners auf dem neuen
Friedhof in Untertürkheim
(Reihe 13)

Weit liegt das alles zurück. Noch einmal ganz anders sieht nun die Region Untertürkheim-Obertürkheim-Hedelfingen-Wangen aus. Ähnliche und andere Probleme sind zu bewältigen, ähnliche und andere Sorgen belasten. Aber in der Dienstzeit Eduard Fiechtners begann der große Umbruch. Er hat die Zeichen der Zeit erkannt. Dafür wird man ihm immer dankbar sein. Und ein solcher Schultheiß für jene Zeit war gewisse eine besondere Gabe Gottes. Großer Dank freilich gebührt Eberhard Hahn für die Neugestaltung der Ausstellung, die Untertürkheims Geschichte dokumentiert - noch ausführlicher, gründlicher und einladender als bisher. Mit großer Sorgfalt und Mühe kam das zustande und ermöglicht vielen ein Eintauchen in die alten Zeiten.

König Wilhelm, der 1893 anlässlich einer verheerenden Überschwemmung Untertürkheim besucht hatte und erschüttert war, gewährte nun auch gnädig Gelder für die Neckarkorrektur. Schultheiß Fiechtner aber konnte vorrechnen, dass die Einnahmen aus dem Elektrizitätswerk bald alle Aufgaben übertreffen werden - und sollte Recht behalten. 5 Wasserturbinen lieferten im Schnitt je 500 PS, 2 dampfbetriebene Turbinen (für den Fall zu geringer Wasserkraft) brachten es auf je 200 PS. Stolze Zahlen für damals, und das E-Werk bedeutete auf seine Weise den Anschluss des Dorfes an die neue Zeit. Zudem erstand eine neue Mahlmühle - elektrisch betrieben. Auch das ein Novum für Damals.

Zurück ins engere Untertürkheim. Da galt es, der Feuerwehr eine neue, geeignete Stätte zu geben. Das geschah durch Umbau der Kelter an der Karlstraße in ein modernes Gerätehaus.

Weiter: Für die Kranken im Dorf war wichtig, eine Gemeindediakonisse anzustellen, Fiechtner betont das "dringende Bedürfnis" nach einem Krankenpflegeverein, der nun gegründet wird und sogleich 320 Mitglieder zählt. Und Schwester Babette Otterbach beginnt mit ihrer segensreichen Tätigkeit. Auch für die Toten musste gesorgt werden. Der alte Friedhof erwies sich als zu eng und als sperrig für die Entwicklung des Bauens. So betrieb Fiechtner mit dem Gemeinderat die Anlage eines neuen Friedhofs. Verschiedene Standorte erwog man; schließlich entschied man sich für den leicht zugänglichen und idyllischen "Platz im Gairenwald", dessen Stille samt Blick zur Kapelle sehr ansprach. Eröffnet wurde dieser neue Friedhof Ende 1905, als Eduard Fiechtner schon im Ruhestand lebte.
1902 begannen endlich die Verhandlungen zur Eingemeindung Untertürkheims nach Stuttgart. Die Einsicht, dass dies dem Dorf eher zugute kommen würde, siegte über so manchen - verständlichen - Widerstand.
Dass Stuttgart großflächig planen muss, leuchtete ein, und es wurde der Stadt versichert, ihren Interessen von Untertürkheimer Seite aus in jeder Weise Rechnung zu tragen.

Freilich erwartete man von der Großstadt, dass sie auch den Wünschen und Anliegen der Einwohner Untertürkheims soweit als möglich entgegenkomme. Schließlich handele man sich mit dieser uralten Weingemeinde ein besonderes Kleinod ein. Berichtet wird übrigens auch, dass Untertürkheim der Stadt die elektrische Energie zur Mitnutzung angetragen hat. Offenbar bezogen umliegende Orte, auf deren Beteiligung man hoffte, anderswoher Strom. Und Stuttgart hatte dann angedeutet, man wünschte halt nicht nur den Strom aus Untertürkheim, sondern Untertürkheim selbst.

1905
Letzter Gemeinderat Untertürkheim 1905

Urkunde zur Ernennung der Ehrenbürgerwürde an Eduard Fiechtner, Schultheiß von Untertürkheim am 1. Oktober 1904
gemalt vom Untertürkheimer Illustrator und Kunstmaler Carl Schmauk. Im Besitz des Stadtarchivs Stuttgart.