Aus "Treffpunk Stuttgart" vom 17.4.2002 und Fortsetzung vom 24.4.2002
Vortrag von Dietrich Köhler zur Neueröffnung der Heimatgesch. Ausstellung Rotenberg

Untertürkheims letzter Schultheiß Eduard Fiechtner (Teil 3/4)


Eduard Fiechtner
Ehemaliger Schultheiß in Untertürkheim

Schließlich durfte auch der alteingesessene Berufsstand der Weingärtner, der doch dem Flecken das besondere Gepräge gab, nicht vernachlässigt werden. Hier galt's, Ausbau und Verarbeitung von Wein zusammenzufassen.

1887 war auf Anregung Fiechtners die Weingärt- nergenossenschaft ins Leben gerufen worden - und dann erwog man den Bau einer neuen Kelter in günstiger Lage. Zwischen Mönchberg und Dorf ergab sich an der Bachstraße der richtige Platz. Möglich war das Bauen an dieser Stelle, weil der Gögelbach inzwischen überwölbt war. Sein schmales Rinnsal beförderte den eingeworfenen Abfall nur zum Teil weiter Richtung Neckar. Der Bach verbreitete einen schlimmen Geruch. So war man gern mit der Untertunnelung einverstanden.

Wohnungsbau war an den Abhängen des Mönchbergs nicht zu erwarten, und so erstand hier eine der modernsten Keltern des Landes, eingeweiht 1903. Räume, die 700 Weingeschirre aufzunehmen hatten. Unterhalb der Kelter baute die Gemeinde - wie schon erwähnt - ein Mehrzweckhaus, in dem Frauenarbeitsschule samt Wohnung, Gemeinde- backküche, Gemeindewaschküche, Wäschetrocken- raum, Bügelzimmer und Eichamt untergebracht wurden, dazu eine Brennerei. Dieses Gemeindehaus ermöglichte nebst dem praktischen Gewinn für viele Familien in ihren oft engen Verhältnissen auch regsame Begegnungen der Bürger und Bürgerinnen untereinander. Noch meine Mutter erzählte, wie man in der "Nähschule" lernte und andere Mädchen kennen lernte und manchmal Freundschaften fürs Leben schloss. Kamen doch in die Frauenarbeits- schule auch die Töchter aus umliegen- den Ortschaften, um fit zu werden für ihre (damalige) Lebensaufgabe.

1897 begannen Planung und Umsetzung des aufwändigsten Unternehmens jener Zeit: die Kanalisierung des Neckars und der Bau eines E-Werks. Die bisherigen festen Staustufen mussten fallen; Firmen, die Wasserkraft nutzten, mussten auf diese verzichten und alsdann mit elektrischem Strom arbeiten. Das Neckarbett musste erweitert werden, die Dämme erhöht. Von der Brücke ab war ein Kanal zu graben, der dem E-Werk die Wasserkraft zuführen sollte. Ein sog. Bewegliches Wehr war vonnöten mit entspr. Fallen. Dies alles ging nicht ohne eine beträchtliche Schuldaufnahme. Auch musste mit den Firmen, die seither die Wasserkraft nutzten, verhandelt werden. Das ging nicht ohne Schwierigkeiten ab - und den Firmen wurde kostenlose Zufuhr elektrischer Energie auf 99 Jahre vertraglich zugesagt. Wichtig war auch der Ankauf der Ludmann'schen Mühle, die dem ganzen Projekt im Wege stand, und wodurch die Gemeinde rechtlichen Anteil am Gelände erwirkte.

Nicht nur die Fabriken, auch die Eisenbahn zog viele Menschen ins Dorf. Besonders zahlreiche italienische Familien siedelten sich an. Auch für sie alle mussten Wohnungen gebaut werden. So kam es zum sog. "Eisenbahnerdörfle" entlang der Cannstatter Straße.

Die Menschen wurden mobiler. Dass Bahn und Post in einem Gebäude untergebracht waren, erwies sich als überholt. Ein neuer Bahnhof wurde gebaut, ein eigenes Postamt daneben. Und während bisher der ganze Betrieb in wenigen Händen lag, stellte man jetzt Personal ein. Nett, wie berichtet wird, dass nunmehr 7 Briefträger in täglich 4 Runden die Post austrügen! Dazu kommt wohl eine riesige Zunahme der Paketpost durch die Industrie. Wachstum der Bevölkerung bedingt "Wachstum" der Schulen. Das Lehrerpersonal musste "aufgestockt werden": 7, 8, 9 und mehr Lehrer.

1892 konnte die neue Wihelmsschule eingeweiht werden... am würdevollen Datum von Kaisers Geburtstag (27. Jan.). Schon 1899 wurde eine neue Turnhalle eröffnet; neben ihr: ein Steigerturm für die Feuerwehr. Auch der Kleinsten wurde gedacht: Bürgermeister und Rat kauften das Seybothensche Anwesen (heutige Ötztalerstr.) und bauten es zum Kindergarten aus. Schulgeld wurde damals abgeschafft (ein großer Gewinn für die Familien), doch das Kinder-schüle kostete eine Kleinigkeit an Beitrag, weil ja der Besuch desselben nicht pflichtig war. Und nach der Schule? Nun, die Jungen gingen in die Lehre, aber für die Weiterbildung der Mädchen musste erst gesorgt werden. So planten Fiechtner und sein Team eine Frauenarbeitsschule, die zunächst provisorisch in verschiedenen Räumen untergebracht war, später ins neue Gemeindehaus einzog. Aber welch ein fortschrittlicher Gedanke damals auch Töchter nicht ohne gründliche Schulung in ihren Beruf, nämlich Haushalt und Familie, zu entlassen. An eine Berufstätigkeit der Frau, wie wir sie heute kennen, war ja noch nicht zu denken.