Folge 7 unserer Serie: Albert Friedrich gab 1945 den Anstoß für den neuartigen "Allzwecktraktor", der die Welt eroberte
Aus Untertürkheimer Zeitung vom 19.8.2004
PIONIERE DER ZEIT 100 JAHRE DAIMLERCHRYSLER-WERK UNTERTÜRKHEIM
Stuttgart - Das DaimlerChrysler-Werk Untertürkheim feiert 100-jähriges Bestehen. Es ist die Wiege des Automobils. Bahnbrechende Erfindungen von Gottlieb Daimler, Karl Benz und Wilhelm Maybach verhalfen dem Auto zum weltweiten Siegeszug. In der Folgezeit entwickelten geniale Tüftler und Konstrukteure der Marke Mercedes-Benz epochale Neuerungen. Diese Pioniere der Zeit stellen wir vor.
Heute: Albert Friedrich.
Von Mathias Kuhn
Ein deutscher Ingenieur benötigt im Herbst 1944 schon viel visionären Schöpfergeist, um in den Kriegswirren die Idee für ein Fahrzeug zu entwickeln, das die Welt erobern wird. Viele Städte sind zerstört, das Daimler-Benz-Werk in Untertürkheim liegt in Ruinen und der Amerikaner Henry Morgenthau entwickelt einen Plan: Deutschland sollte ein Agrarstaat bleiben. Für den 42-jährigen Daimler-Benz-Ingenieur Albert Friedrich ist der Morgenthau-Plan die Initialzündung für seine Idee eines Allzwecktraktors. Im Mai 1945, kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner in Schwäbisch Gmünd, wo der ehemalige Ingenieur der Flugmotorenentwicklung lebt, legt er erste Skizzen für sein Nutzfahrzeug an. Seine Entwürfe stellt er auch Wilhelm Haspel, dem damaligen Vorstandsvorsitzenden von Daimler-Benz vor, der Interesse bekundet. Der glückliche Zufall will es, dass der Fahrzeugkonstrukteur Heinrich Rößler bei einem Besuch in Untertürkheim Friedrich über den Weg läuft. Die beiden kennen sich und Friedrich erzählt dem 34-jährigen Rößler von seiner Idee. Doch ein Gesetz der Alliierten droht das Projekt platzen zu lassen.
Personen, die durch ihre Tätigkeit mit der Kriegsmaschinerie des Nazi-Regimes in Verbindung kamen, durften in dem Unternehmen nicht mehr arbeiten. Sowohl Haspel als auch Friedrich müssen Daimler-Benz verlassen.
Doch Friedrich gibt seine Vision nicht auf. Mit Eloquenz überzeugt er die Besatzungsmächte von dem friedlichen Nutzfahrzeug. Am 21. November 1945 erhält er die "Production Order" für zehn Versuchsfahrzeuge. Jetzt fehlt ihm der Produzent. Am 1. Dezember schließt er einen Vertrag mit der Firma Erhard & Söhne aus Schwäbisch Gmünd und am 1. Januar 1946 beginnt das Unternehmen "Allzwecktraktor"
mit einem Vier-Mann-Team. Mit dabei: der junge Rößler als Konstrukteur. Er legt im März 1946 einen auf Friedrichs Ideen beruhenden ersten Entwurf vor. Gegenüber den bisherigen Ackerschleppern weist er etliche Neuerungen auf: Er besitzt eine Geschwindigkeitsspanne zwischen drei und 50 Stundenkilometern, hat gedämpfte und gefederte Achsen, einen Allradantrieb, Bremsen an Vorder- und Hinterachsen, ein zweisitziges Fahrerhaus mit Faltdach, eine große Ladefläche und die Möglichkeiten, vorne, hinten und in der Mitte Anbaugeräte anzubringen. Zeitgleich gelingt Ingenieur Hans Zabel etwas, wovon Marketingprofis träumen.
Er erfindet einen Markennamen für das Fahrzeug, das die Welt erobern sollte. Aus dem Begriff Universalmotorgerät formt er die Abkürzung Unimog. Das Fahrzeug hat nun zwar einen Namen aber es gilt, schnellstmöglich einen Prototyp herzustellen. In nur sieben Monaten gelingt es den Unimog-Pionieren, Zulieferer für Komponenten zu finden: Getriebe und Achsen von der Zahnradfabrik Augsburg, Gussteile von der Firma Boehriger aus Göppingen und einen Otto-Motor von Mercedes-Benz. Beim ersten Fahrversuch am 9. Oktober 1946 zeichnet sich der Erfolg des Universalfahrzeugs ab. Wendigkeit und Zugverhalten überzeugen bei Vorführungen im harten Winter 1947 sowohl die Militärbehörden als auch die Bauern. Noch ist der Prototyp verbesserungswürdig: Friedrich überzeugt Daimler-Benz ihm 100 Diesel-Motoren für den Unimog zu liefern, Continental produziert Unimog-Reifen und mit dem Mähbalken wird das erste Anbaugerät fertiggestellt. Bis heute folgten fast 2000 weitere Fahrzeugtypen für alle Verwendungszwecke.
Einsatz in der ganzen Welt
Das Interesse der Kundschaft wächst, doch die Fertigungskapazitäten der Firma Erhard & Söhne sind zu gering. Die Unimog-Produktion wird zur Firma Boehringer nach Göppingen verlagert. Insgesamt 600 Fahrzeuge verlassen bis 1950 das Göppinger Werk. Die Anhängerschaft wächst weiter und als das Göppinger Unternehmen selbst an die Kapazitätsgrenze gerät, stimmten die Inhaber und Friedrich zu, als Daimler-Benz ihnen ein Übernahmeangebot unterbreitet. 1951 rollt der erste serienmäßig gefertigte Unimog im Werk von Band. Seitdem hat der Allzwecktraktor einen Siegeszug durch die Welt angetreten. In der Landwirtschaft, bei der Feuerwehr, beim Militär, als Schneeräumgerät aber auch in der Wüste ist das Universalmotorgerät mit dem Stern auf dem Kühler überall im Einsatz. Unimog steht für deutsche Qualität. Seinen Erfolg hat er der Beharrlichkeit einiger Pioniere zu verdanken, die nach dem verlorenen Krieg an eine visionäre Idee glaubten und sie verwirklichten.